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Endphase des Aufschwungs zeichnet sich ab

IfW Kiel, Pressemitteilung vom 06.09.2018

Die Konjunkturforscher des IfW Kiel revidieren ihre Vorhersage für die Zuwachsrate des BIP für das laufende und das kommende Jahr leicht nach unten. Für 2018 erwarten sie nun einen Zuwachs von 1,9 Prozent, für 2019 von 2,0 Prozent. Damit geht die Hochkonjunktur in Deutschland vorerst weiter, deutlich angespannte Kapazitäten läuten aber wohl mit dem Übergang in das neue Jahrzehnt den Abschwung ein. Die von der Bundesregierung beschlossenen, auf Dauer angelegten Mehrausgaben dürften bereits 2020 dazu führen, dass die schwarze Null strukturell nicht mehr zu halten ist.

Deutschland tritt in die Endphase des seit fünf Jahren dauernden Aufschwungs ein, mit Beginn des nächsten Jahrzehnts dürfte dann der Abschwung einsetzen. Dies geht aus der heute vorgestellten Herbstprognose des Instituts für Weltwirtschaft (IfW Kiel) hervor. Darin revidieren die Experten ihre Vorhersage für die Zuwachsrate des Bruttoinlandsproduktes (BIP) für die kommenden beiden Jahre im Vergleich zum Konjunkturausblick im Sommer nochmals leicht nach unten und erwarten nun für das Jahr 2018 eine Rate von 1,9 Prozent (-0,1 Prozentpunkte) und für 2019 eine Rate von 2,0 Prozent (-0,3 Prozentpunkte). Vor allem die Exporte sowie die Unternehmensinvestitionen entwickelten sich rückblickend schlechter als zunächst prognostiziert. Hinzu kommen Revisionen in der amtlichen Statistik, die insgesamt auf eine etwas schwächere Konjunkturdynamik schließen lassen.

Für das Jahr 2020 rechnen die Experten mit einer Zuwachsrate des BIP von 1,9 Prozent, ursächlich für die weiterhin recht hohe Rate ist aber auch die hohe Anzahl an Arbeitstagen. Der um Arbeitstage bereinigte Zuwachs beläuft sich nur auf 1,6 Prozent. „Die Hochkonjunktur in Deutschland ist noch nicht vorbei, zu Beginn des nächsten Jahrzehnts werden die zyklischen Gegenkräfte durch ein weiteres Ausreizen der Kapazitätsreserven aber immer stärker, und Deutschland muss sich auf den Abschwung gefasst machen", sagte Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums am IfW Kiel.

Verfügbare Einkommen steigen kräftig

Für eine zunächst wieder lebhaftere konjunkturelle Dynamik nach schwächerem Jahresauftakt sprechen die zuletzt wieder deutlich aufgehellten Geschäftsklimawerte in den Dienstleistungsbereichen, der Bauwirtschaft, aber auch im Verarbeitenden Gewerbe, so die Experten. Neben dem Auslandsgeschäft tragen binnenwirtschaftlich vor allem die konsumnahen Bereiche den Aufschwung in sein sechstes und siebtes Jahr. Die günstige Arbeitsmarktlage führt bei den Beschäftigten zu deutlichen Zuwächsen der Lohneinkommen, was für sich genommen typisch ist für die Spätphase eines Aufschwungs. Zusätzlich werden die verfügbaren Einkommen der Haushalte durch Maßnahmen der Bundesregierung erhöht, die ein Absenken von Abgabensätzen und eine Ausweitung von Sozialleistungen, etwa in der Rentenkasse, vorsieht.

Die Nettolohnsumme dürfte mit 5,3 Prozent im kommenden Jahr so kräftig steigen wie seit dem Wiedervereinigungsboom nicht mehr und auch stärker zunehmen als die entsprechende Bruttogröße. In der Folge werden die privaten Konsumausgaben wohl kräftig expandieren, um 1,5 Prozent in diesem Jahr, um 2,2 Prozent im nächsten Jahr und um 1,9 Prozent im Jahr 2020. Auch der Staat erhöht seine Konsumausgaben wieder deutlicher. Die Inflation dürfte im gesamten Prognosezeitraum bei etwa 2 Prozent liegen.

Daneben dürften auch die Exporte dank robuster Konjunktur in den deutschen Absatzmärkten wieder deutlich zulegen, sofern nicht durch protektionistische Vorstöße oder andere politische Störmanöver abermals Sand ins weltwirtschaftliche Getriebe gerät. Die IfW-Experten rechnen mit Zuwachsraten der Exporte von 3,2 Prozent (2018), 4,7 Prozent (2019) und 4,8 Prozent (2020).

Kapazitätsengpässe bremsen Produktion, strukturell rote Null im öffentlichen Haushalt

„Insgesamt mehren sich die Zeichen, dass die deutsche Wirtschaft in die Spätphase des Aufschwungs eintritt, da deutlich angespannte Kapazitäten, die sich etwa in Engpässen bei Personal sowie Vorleistungs- und Ausrüstungsgütern bemerkbar machen, einer kräftigeren Ausweitung der Produktion im Wege stehen", so Kooths. „Besonders ausgeprägt zeigt sich die Kapazitätsverknappung in der Bauwirtschaft, die bereits seit mehreren Jahren boomt und zuletzt den seit 25 Jahren höchsten Preisanstieg verzeichnete. Das Bild insgesamt deutlich angespannter Kapazitäten wird auch durch unsere Schätzungen zur gesamtwirtschaftlichen Produktionslücke bestätigt, die wir für das laufende Jahr auf den höchsten Wert seit dem Jahr 2008 veranschlagen." (Eine ausführliche Schätzung zum Produktionspotenzial erscheint morgen in der IfW-Mittelfristprojektion.)

Die öffentlichen Haushalte dürften 2018 aufgrund der starken Konjunktur erneut einen Rekordüberschuss verzeichnen, der sich auf rund 53 Mrd. Euro beläuft, 1,6 Prozent in Relation zum BIP. Im nächsten Jahr führen Steuersenkungen, höhere Investitionen und Leistungsausweitungen der Sozialkassen zu einem Absinken des Budgetsaldos. Im Jahr 2020 sind dann konjunkturbereinigt die Staatsausgaben nicht mehr durch das Abgabenaufkommen gedeckt. „Strukturell werden aus merklichen Haushaltsüberschüssen von heute binnen zwei Jahren eine rote Null", so Kooths. „Der Bund befeuert mit seiner Abgaben- und Transferpolitik den Boom anstatt ihn zu dämpfen, wie es stabilisierungspolitisch geboten wäre. Vorsorge für die sich abzeichnenden wachstumsschwachen 2020er Jahre sieht anders aus."

Euroraum: Aufschwung setzt sich leicht gebremst fort

Das BIP im Euroraum dürfte im laufenden Jahr um 2,1 Prozent zulegen, in den kommenden beiden Jahren wird sich die Zuwachsrate wohl leicht auf 1,9 Prozent (2019) und 1,7 Prozent (2020) verringern. Zwar hat die Wirtschaft im Euroraum seit Jahresbeginn an Schwung verloren, die Rahmenbedingungen für eine Fortsetzung des Aufschwungs sind aber weiterhin günstig. So wird die Konjunktur auch zukünftig durch niedrige Zinsen und eine leicht expansive Finanzpolitik unterstützt, und viele Frühindikatoren sprechen für eine fortgesetzte Ausweitung der Produktion, wenn auch in moderaterem Tempo als im Vorjahr.

Die Arbeitslosenquote ist rückläufig und dürfte im Jahr 2020 den Tiefststand von vor der globalen Finanzkrise unterschreiten, was in vielen Ländern zu Anspannungen am Arbeitsmarkt führen dürfte. Die Lohndynamik im Euroraum zeigte zuletzt bereits einen klaren Aufwärtstrend, und die Verbraucherpreisinflation dürfte in den Jahren 2018 bis 2020 bei jeweils 1,7 Prozent liegen.

Weltwirtschaft: positiver Ausblick trotz erheblicher Risiken

Der Aufschwung der Weltkonjunktur hat in diesem Jahr etwas an Fahrt verloren. Der wieder recht kräftige Anstieg der Weltproduktion im zweiten Quartal folgte einer schwachen Entwicklung zu Jahresbeginn und überzeichnet wohl die zugrunde liegende konjunkturelle Dynamik. Auch spreizen sich die Konjunkturverläufe international stärker aus als im Vorjahr. Zudem belasten die von den Vereinigten Staaten ausgehenden Handelskonflikte und ein Rückzug von Finanzinvestoren aus den Schwellenländern derzeit den Ausblick. Am Ölmarkt könnte die anstehende Umsetzung der Iran-Sanktionen für einen weiteren Preisschub sorgen. Die Kerninflation dürfte allmählich anziehen. Für das Jahr 2018 erwarten die IfW-Experten dennoch nach wie vor einen Anstieg der Weltproduktion um 3,8 Prozent, für 2019 haben sie die Prognose etwas - um 0,1 Prozentpunkte - auf 3,5 Prozent reduziert.

Unsicherheiten über wirtschaftspolitischen Kurs der USA und Italiens

Bedeutende Abwärtsrisiken für diese Prognose bestehen vor allem in einer Zuspitzung der schwelenden internationalen Handelskonflikte. „Hier ist auch die deutsche Politik gefordert", mahnt Kooths. „Die Bundesregierung sollte angesichts um sich greifender protektionistischer Tendenzen in der Weltwirtschaft klare Signale für offene Märkte senden. Die verschärfte Überwachung ausländischer Investoren bei Unternehmensbeteiligungen in Deutschland kann gerade vor dem Hintergrund erheblicher Leistungsbilanzüberschüsse leicht als protektionistische Abschottung missverstanden werden."

Der bevorstehende Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union dürfte nur im Falle einer ausbleibenden Einigung merkliche konjunkturelle Spuren hinterlassen. Ferner droht eine institutionelle Krise im Euroraum, sofern die neue italienische Regierung in der Haushaltspolitik nicht einlenkt. „Ein Währungsraum kann ohne einen grundlegenden monetären Konsens nicht funktionieren. Sofern Italien diesen jetzt aufkündigt, stehen dem Euro turbulente Zeiten bevor", so Kooths.

Quelle: DATEV eG

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